Digitale Kreditprozesse in der Zukunft

Eine der größten Herausforderungen für die Banken ist es, aufgrund des schon seit Jahren niedrigen Zinsniveaus Wachstumspotenziale zu erkennen – und eine effiziente Verwaltungsorganisation zu gewährleisten. Die Vergabe von Krediten ist dabei ein wesentliches Thema, zumal in absehbarer Zukunft keine nachhaltigen Zinssteigerungen zu erwarten sind. Digitale Kreditprozesse werden in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen. Dabei wird das Thema künstliche Intelligenz eine entscheidende Rolle spielen.

Zinserträge können damit nur durch Wachstum gesteigert werden, was aber nur dann zu einer Ergebnisverbesserung führt, wenn Betriebs- und Risikokosten in Schranken gehalten werden. Dazu kommt der Wettbewerb und die hohen Anforderungen seitens der Kunden, sowie ein verändertes Kauf- und Konsumverhalten.

Für den Privatkunden steht der Wunsch nach einfachen und preiswerten Bankprodukten immer mehr im Vordergrund, für die man keinen Bankberater braucht – und die möglichst online schnell und bequem überall abgeschlossen werden können. Der Markt hat sich deutlich verändert und entwickelt sich laufend weiter. Mit immer neuen Online-Finanzdienstleistern wie Robo-Advisor und Vergleichsportalen wird der Wettbewerb immer größer und härter für die klassischen Banken.

Auch die Konditionen werden immer transparenter und Kredite damit immer mehr zu einem Produkt, das detailliert verglichen werden kann. Zusätzlich verstärken neue regulatorische Richtlinien den Wettbewerb zwischen Banken und ermöglichen es spezialisierten Dienstleistern, in die Wertschöpfungskette von Banken einzudringen.

Die digitale Zukunft hat schon begonnen

Im Privatkundengeschäft werden sowohl Ratenkredite, als auch Immobilienfinanzierungen zukünftig überwiegend online abgeschlossen – und von der Bank dann vollautomatisch bearbeitet werden. Ein bereits jetzt schon technisch und rechtlich mögliches Szenario ist beispielsweise, dass sich der Kunde noch im Geschäft die günstigste Konsumfinanzierung am Smartphone über eine Vergleichsplattform heraussucht – und dann innerhalb weniger Minuten das Geld auf seinem Girokonto verfügbar hat.

Es wird für eine Bank damit auch kein Vorteil mehr sein, das Girokonto eines Kunden zu führen bzw. darauf zu hoffen, dass Finanzierungen über die Hausbank erfolgen. Auch bei Immobilienfinanzierungen werden verbindliche Kreditzusagen innerhalb von wenigen Minuten möglich werden, auch wenn es hier aufgrund der Marktreife von künstlichen Intelligenzen noch ein paar Jahre dauern wird.

Autokredit Medium Rectangle 300x250Persönliche Beratung wird von Privatkunden teilweise immer noch nachgefragt werden, diese wird im Kreditprozess aber anders als heute üblich optional und dem automatischen Kreditangebot nachgelagert sein. Im komplexeren Geschäfts- und Firmenkundengeschäft werden wir in absehbarer Zeit wohl noch keine vollautomatische Kreditvergabe sehen.

Viele der heute noch manuellen Prozessschritte werden jedoch schrittweise automatisert werden. Die Herausforderung hier wird vor allem sein, automatische und manuelle Prozessmodule in einem intelligenten Prozess so zu kombinieren, dass Geschwindigkeit und Effizienz der Bearbeitung einerseits und Flexibilität sowie persönliche Beratung andererseits umfassend gewährleistet sind.

Vollständige Digitalisierung

Eine zentrale rechtliche Anforderung ist die Prüfung der Kreditwürdigkeit des Kunden, die auf Basis ausreichender Daten durch die Bank vorgenommen werden muss. Dazu müssen alle Informationen und Daten zur Kundenbonität (z. B. Einkommen oder Jahresabschlüsse) sowie zu den relevanten Sicherheiten (Immobilien, Aktiendepots, Bürgschaften usw.) erfasst werden. Lange Zeit wurde hier zur Digitalisierung auf Scannen sowie teilweise auf OCR-Technologien (Optical Character Recognition) gesetzt, die papierhafte Dokumente scannen und entsprechend digitalisieren.

Das Problem war hier, dass einerseits die Fehlerquote der Texterkennung hoch ist und andererseits nur vorab definierte Dokumentenstrukturen interpretiert werden konnten. Hier sind zwei wesentliche Entwicklungen erkennbar. Die bevorzugte Variante ist die direkte digitale Erfassung relevanter Informationen über einheitliche Datenstandards.

Für Privatkunden bietet sich hier XS2A (Access-to-the-Account) auf Basis der EU Verordnung PSD2 (Payment Service Directive 2) an. Diese in 2018 in Kraft getretende Verordnung sieht u. a. vor, dass ein Bankkunde einem Drittanbieter (z. B. einer anderen Bank) Lesezugriff auf sein Girokonto gewähren kann. Bereits heute sind vergleichbare Lösungen erfolgreich im Einsatz.

Neben den Kundenstammdaten werden dem Drittanbieter dabei die Transaktionsdaten zur Verfügung gestellt, die u. a. sein Gehalt, seine allgemeine Kostensituation und ggf. bestehende Kredittilgungen umfassen. Auf dieser elektronischen Datenbasis kann die Kreditwürdigkeit und Kapitaldienstfähigkeit des Kunden zuverlässig und weitgehend automatisiert ermittelt werden.

Eine weitere Hürde für die Digitalisierung ist die Legitimation von Kunden sowie Unterschriften auf Verträgen und Urkunden. Einerseits sehen die jeweiligen lokalen Bestimmungen zur Geldwäscheprävention eine zwingende Überprüfung der Identität von Neukunden vor. Andererseits sind Formerfordernisse der Schriftlichkeit im Rahmen von Kreditvereinbarungen zu beachten. In Deutschland erfordern Kreditverträge mit Privatkunden z. B. grundsätzlich die Schriftform, wobei für standardisierte Konsumkredite Sonderregelungen in Anspruch genommen werden können. Für Bürgschaften und Grundpfandrechte dagegen ist die Schriftform auch bei Geschäfts- und Firmenkunden ohne Ausnahme erforderlich.

Als Lösung bieten sich qualifizierte elektronische Unterschriften an, die sowohl die Identität des Unterzeichners wie auch seine Willenserklärung eindeutig dokumentieren und mit handschriftlichen Unterschriften rechtlich gleichgesetzt sind. Für qualifizierte elektronische Signaturen waren lange Zeit neben einer vertrauenswürdigen Zertifizierungsstelle im eigenen Land physische Signaturkarten und entsprechende Lesegeräte erforderlich, die sich bei Privatkunden nie breitenwirksam durchgesetzt haben.

Mit der elDAS (electronic Identifikation, Authentifikation and Trust Service) Verordnung der Europäischen Union von Juli 2016 wurde europaweit der rechtliche Rahmen u. a. für Fernsignaturen („Handy-Signaturen“) geschaffen. Dabei reicht es, wenn das Zertifikat des Signierenden zentral am Server der Zertifizierungsstelle hinterlegt ist. Als Endgerät für den Kunden ist somit ein Smartphone ausreichend, womit eine deutlich höhere Marktdurchdringung erreicht werden kann.

Fernsignaturen werden bereits als Teil von Video-Ident-Verfahren eingesetzt. Dabei wird der Kunde von der Bank zu einem entsprechenden Anbieter geleitet (z. B. IDnow, webID) und über Video-Ident legitimiert. Dann wird ein für den Kunden zentral ein Zertifikat hinterlegt, mittels dessen er z. B. einen Kreditvertrag qualifiziert signieren kann.

Der Vorteil ist, dass der Kunde vorab keinerlei Voraussetzungen erfüllen muss, außer einem Smartphone und einem Lichtbildausweis. Das rechtliche Rahmewerk für Video-Ident wurde in Österreich übrigens erst Ende 2016 nachgezogen, lange nachdem die Technologie bereits umfassend in Deutschland im Einsatz war. Des Weiteren sind auch universell einsetzbare Fernsignaturen verfügbar (z. B. A-Trust), bei denen die Legitimation derzeit aber in der Regel persönlich erfolgen muss.

Darüber hinaus wurden mit elDAS elektronische Siegel für juristische Personen ermöglicht. Damit erhalten Unternehmen die Möglichkeit, ihre ausgehende digitale Korrespondenz mit einer einheitlichen Organisationssignatur zu versehen, welche den klassischen Firmenstempel ablösen sollen. Die entsprechenden Lösungen für Geschäfts- und Firmenkunden sehen hier weiterhin eine physische Signaturkarte vor.

Zu guter Letzt wird auch bei der physischen Besichtigung von Sicherheiten die Digitalisierung Einzug halten. Solche Besichtigungen sind insbesondere bei Immobilen erforderlich, da hier schriftliche Dokumentationen in der Regel nicht ausreichen. Solche Besichtigungen werden heute entweder durch die Bank oder durch externe Gutachter vorgenommen. Die aktuellen technischen Fortschritte legen jedoch Nahe, dass solche Besichtigungen in absehbarer Zeit durch Drohnen erfolgen werden. Diese können innerhalb kürzester Zeit das entsprechende Objekt anfliegen und Zustand bzw. Baufortschritt erfassen.

Mit entsprechenden Sensoren ausgestattet könnten Drohnen auch ins Innere der Objekte blicken, Räume präzise ausmessen und Baumängel oder Beschädigungen (z. B. Wasserschäden oder Schimmel) erkennen. Neben allgemeinen rechtlichen Aspekten wie Datenschutz oder Schutz der Privatsphäre müssen hier aber noch kreditrechtliche Fragestellungen geklärt werden. So sind für die Pfandbrieffähigkeit von Krediten heute noch Innenbesichtigungen erforderlich. Entsprechende Drohnentechnologie könnte aber mindestens ebenso gute Analyseergebnisse liefern. Die erfassten Daten würden dann entweder an die Bank oder den Gutachter übermittelt und die digitale Datenbasis für Wertgutachten oder Baufortschrittskontrollen darstellen.



Weiterführende Automatisierung

Automatisierung im Kreditprozess ist an zwei Voraussetzungen geknüpft. Einerseits müssen alle relevanten Informationen als elektronische und strukturierte Daten vorliegen. Andererseits erfordert eine Automatisierung zumindest mittelfristig noch eine umfassende Standardisierung – entweder einzelner Arbeitsschritte oder des gesamten Kreditprozesses. Es liegt auf der Hand, dass es insbesondere hinsichtlich Standardisierbarkeit – abhängig vom jeweiligen Kreditprodukt und dem jeweiligen Kundensegment – unterschiedliche Ausprägungen geben kann. Unterschieden werden muss zwischen dem Konsumkredit und einer Baufinanzierung, sowie derm Privatenkunden- oder Firmenkundengeschäft.

An dieser Stelle werden in Zukunft künstliche selbstlernende Intelligenzen ansetzen und menschliche Ermessensentscheidungen schrittweise ablösen. Auf Basis von Vergangenheitsdaten (z. B. aufgetretenen Kreditausfällen, Zahlungsverzug oder Betrugsfällen) passen diese künstlichen Intelligenzen ihre Entscheidungsalgorithmen laufend an die sich verändernden Marktgegebenheiten an (z. B. Wirtschaftswachstum, Einkommensniveaus, Immobilienpreise usw.) und verbessern entsprechend kontinuierlich die Qualität von Entscheidungen.

Dabei können sie eine deutlich höhere Vielfalt von Kriterien einbeziehen und flexibel gewichten, als dies heute übliche starre Entscheidungsmaschinen vermögen. Mittlerweile wird die künstliche Intelligenz auch in der digitalen Vermögensverwaltung über Robo-Advisor eingesetzt.

Die Vorteile liegen damit sowohl in der Qualität und Nachvollziehbarkeit von Kreditentscheidungen als auch in der Geschwindigkeit und Effizienz der Bearbeitung. Die neuen technischen Möglichkeiten werden auch in diesem Fall das rechtliche Rahmenwerk vor sich hertreiben und das Vier-Augen Prinzip schrittweise zurückdrängen. Auch die heute noch erforderliche Standardisierung von Bearbeitungsschritten und Prozessmodulen wird mit zunehmender Leistungsfähigkeit künstlicher Intelligenzen wieder abnehmen.

Menschliche Entscheidungen werden mittelfristig trotzdem nicht vollständig ersetzt. Allein aus Haftungsgründen werden Bankvorstände gut beraten sein, sich Fälle mit hohem Schadenspotenzial auch noch selbst anzusehen, auch wenn eine belastbare Empfehlung der künstlichen Intelligenz vorliegt.

Das gilt im Übrigen auch für die unterschiedlichen Kontrollschritte im Kreditprozess. So ist es regulatorisch erforderlich, vor Auszahlung zu prüfen, ob alle Voraussetzungen bzw. Auflagen in dem Kreditvertrag erfüllt worden sind. Sofern alle relevanten Informationen elektronisch und strukturiert vorliegen, können auch solche Kontrollen automatisiert erfolgen. Die künstliche Intelligenz wird dennoch Fälle zur manuellen Überprüfung aussteuern, sofern Indikationen für zum Beispiel Betrugsfälle erkannt werden bzw. das Schadenspotential entsprechend hoch ist.

Fazit:
Die Beantragung eines Ratenkredits, oder einer Baufinanzierung wird zukünftig fast ausschliesslich online erfolgen. Die Vorteile dürften hinlänglich bekannt sein: schneller, günstiger, flexibler und bequemer – kurzum effizienter.



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